AUF DEN PUNKT. Mit „Auf den Punkt.“ kommentieren Mitglieder des FC PlayFair! hochaktuelle Themen des Fußballbusiness. Es handelt sich dabei um persönliche Meinungsbeiträge der Autoren, die ihre Sicht der Dinge schildern.

Holger Siegmund Schultze KSC

Geld schießt keine Tore Holger Siegmund-Schultze über das Geld im Profifußball – 08. August 2017

Als Otto Rehhagel im Jahr 1987 den Satz „Geld schießt keine Tore“ aussprach, war ihm wohl nicht in vollem Umfang bewusst welche Tragweite diese Aussage bis heute haben würde. Damals wechselte sein Spieler Rudi Völler vom SV Werder Bremen für sensationelle 9,3 Mio. DM zum AS Rom. Heute, 30 Jahre später, ist dieser Betrag angesichts der fast 50-fachen Summe für den Transfer des Spielers Neymar vom FC Barcelona zu Paris St. Germain geradezu gering und es stellt sich die Frage, ob Rehhagels These wirklich zutrifft.

Auf der Suche nach einer Antwort kann man zwei Aspekte unterscheiden. Zum einen die Tatsache, dass der einzelne Spieler immer mehr Geld verdient und sich die Frage stellt, ob dadurch seine Leistungen besser werden. Wohl kaum. Eher im Gegenteil. Wenn Geld dominiert, wird Ergebnisfußball gespielt, die Besitzstandswahrung steht im Vordergrund. Was verloren geht, ist die Risikofreude, das Ausprobieren, die Kreativität. Wenn es um viel Geld geht, wählt man den sicheren Weg und nicht den, auf dem man scheitern könnte. Mit Geld werden die wahren Motive unterlaufen, aufgrund derer ein Spieler für einen Verein spielen sollte. Und nicht zuletzt: die Motive des Kommens sind oft deckungsgleich mit den Motiven des Gehens. Wer für Geld kommt, geht für Geld.

Zum anderen bleibt die Frage, ob Geld nicht doch die Wahrscheinlichkeit für den sportlichen Erfolg erhöht, indem man mit Geld die Besten um sich versammelt und damit langfristig erfolgreich wird. Ein Blick in die Historie und in die Statistiken zeigt jedoch, dass man Erfolg nicht kaufen kann. Die Korrelation zwischen Etat, Wert der Mannschaft und sportlichen Erfolg ist zu schwach. Jüngste Beispiele sind die sensationelle Meisterschaft von Leicester City in der Premier League oder das schwache Abschneiden deutscher Werksmannschaften mit gesicherten, hohen Budgets. Geld gibt den Vereinen die Möglichkeit außergewöhnliche Spieler auf den Platz zu bringen, aber wohl noch nie hat ein Spieler beim Torschuss an Geld gedacht. Man kann mit Geld erreichen, dass jemand aufs Spielfeld geht, aber nicht, dass er gewinnt.

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Über den Autor: Holger Siegmund-Schultze ist seit September 2016 Vizepräsident des Karlsruher Sport-Club Mühlburg-Phönix e.V.

Monopoly mit echtem Geld André Bühler über den anstehenden Wechsel von Neymar nach Paris – 2. August 2017

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600 Millionen Euro. Das muss man sich mal vorstellen und laut aussprechen, damit man es glaubt. Sechshundertmillioneneuro. Eine Sechs mit acht Nullen. Das ist der Gesamtbetrag, den der Fußballverein Paris St. Germain in den Fußballspieler Neymar investieren will. 600 Millionen Euro, aufgeteilt in 222 Mio Ablösesumme (300 Mio, inkl. Steuern), sowie 30 Mio € Jahressalär (netto versteht sich) sowie einem 40-Mio-€-Handgeld für den Berater, der auch gleichzeitig der Vater ist.

600 Millionen Euro. Das ist der ungefähre Gesamtmarktwert des FC Bayern München. Oder der vierfache Gesamtmarktwert von Borussia Mönchengladbach. Oder anders ausgedrückt: von den 600 Millionen Euro, die PSG für Neymar bezahlen möchte, könnte der VfB Stuttgart zehnmal seine aktuelle Mannschaft bezahlen.

Aber gut, wenn PSG das Geld hat, warum nicht? Das Problem ist: Paris St. Germain hat das Geld nicht. Das Geld kommt vom Emir aus Katar. Das ist der, der geopolitisch gerade sehr unter Druck ist und dringend einen medialen und imagefreundlichen Befreiuungsschlag braucht. Und den erhofft er sich vom Neymar-Transfer. Dafür ist er bereit, tief in die eigenen Taschen zu greifen. Da die UEFA aber aus einer komischen Laune heraus irgendwann beschlossen hat, dass Fußballvereine nicht sehr viel mehr ausgeben dürfen als sie aus dem normalen Geschäftsbetrieb einnehmen, müssen sich PSG und sein Emir ein paar Tricks einfallen lassen, um die Regularien des sogenannten Financial Fair Play zu umgehen. Eine Idee: Neymar bezahlt die Ablösesumme selbst. Weil er aber gerade keine 300 Millionen Euro auf dem Konto hat, erhält er zufälligerweise einen Werbevertrag in Höhe von 300 Millionen Euro – aus Katar. Weil da findet im Winter 2022 die Fußballweltmeisterschaft statt und die braucht auch ganz dringend einen Imageschub. Natürlich hängt das alles gar nicht mit dem Wechsel nach Paris zusammen. Warum auch?

Mich erinnert das Ganze an das Brettspiel Monopoly, das wir früher stundenlang und bis in die Morgenstunden gespielt haben. Da konnte man den reichen Kontrahenten (mit seinen vier Bahnhöfen) um den sicheren Sieg bringen, weil man durch ein paar Tricks und Täuscherein dann doch noch an die Schlossallee gekommen ist und die Mitspieler mit noch mehr Geld in die Schranken verwies. Heute heißt das Spiel nicht mehr Monopoly sondern Fußballbusiness, die Schlossallee wird Neymar genannt und die Zahlungsmittel sind nicht mehr billiges Spielgeld sondern harte Euros und Dollars. Bleibt nur zu hoffen, dass es auch im Fußballbusiness so etwas wie eine Gefängniskarte gibt. Die UEFA hat es in der Hand. Wenn die Financial-Fair-Play-Regeln in so einem Fall nicht greifen, wann dann? Es wäre höchste Zeit, mal ein Zeichen zu setzen. Ansonsten verkommt der Fußball, den wir alle lieben, zu einem reinen Spielobjekt reicher Oligarchen.

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Über den Autor: Prof. Dr. André Bühler ist Wirtschaftswissenschaftler und Sportökonom. Er beschäftigt sich seit über 15 Jahren mit dem Fußballbusiness. Weil ihn die derzeitige Entwicklung des Profifußballs zusehends desillusioniert, engagiert er sich beim FC PlayFair!

BerndSautter

Auf Ego-Trip mit Rummenigge Bernd Sautter über die Vermarktungsreise des FC Bayern in Asien – 27. Juli 2017

Um die schimmernde Birne von Bayern-Boss Karlheinz Rummenigge auf Infrarot zu stellen, reicht manchmal ein einziges Wort. „Krass“, hatte Ralph Hasenhüttl, Trainer von RB Leipzig, die Belastung der Spieler auf Vermarktungsreisen wie dem Asientrip des deutschen Meisters genannt. Krass ist vielmehr, dass genau dieses eine Wort ausreicht, um vom fernen Asien eine Antwort zu erhalten, die aufschlussreicher nicht sein könnte. „Ich finde diese Aussage ein Stück zynisch und auch unsolidarisch“, polterte Rummenigge ins Mikrophon und inszenierte sich als Wohltäter der Liga. Seine Logik: „Die Klubs, die hier in Asien waren und auch die, die in Amerika waren, haben etwas pro Bundesliga-TV-Vermarktung geleistet. Und bei den Klubs, die nach wie vor den einfachen Weg wählen und sich in Österreich und der Schweiz vorbereiten, bin ich sehr skeptisch, ob die einen großen Beitrag zum Wohle der Bundesliga damit leisten“

Krass.

Mia san Singapur. Rummenigges Weltsicht endet am Rand des eigenen Geldbeutels. Seine Bayern füllen sich die Kassen mit 10 Millionen und behaupten anschließend, sie wären zum Wohle der gesamten Solidargemeinschaft Bundesliga unterwegs gewesen. Nur zur Klarstellung: Nicht ein Cent der Einnahmen gehen an Hannover oder Bremen, auch nicht auf indirektem Wege. Es handelt sich bei der Summe von 10 Millionen vielmehr um einen Betrag, der die Schere zwischen Arm und Reich in der Liga weiter vergrößert – und die Chancengleichheit zwischen Augsburg und München weiter schwinden lässt. Diesen Betrag spielen die Bayern in nur einer Woche ein. Damit beweisen sie: Der Rekordmeister spielt in einer eigenen Liga – und zwar in allen Belangen. Mit welcher Arroganz und Ignoranz die Münchner diese Weltliga bespielen, ohne Rücksicht auf ihren angestammten Wettbewerb, die Bundesliga zu nehmen, das ist allerdings wirklich krass.

Echt Krass.

Doch die Einlassungen von Rummenigge sind in anderer Dimension hilfreich. Sie offenbaren die wunde Stelle, die im deutschen Fußball blutrot leuchtet. Wer sich um Chancengleichheit und Spannung in der Bundesliga sorgt, muss nicht nach Leipzig schauen oder ins Salzburger Land. Nach wie vor sitzt das Problem in München. Gewiss haben sich die Bayern ihren Status redlich verdient. Auf dem Platz und an den Verhandlungstischen waren sie in den letzten vierzig Jahren mit Abstand die Besten. Doch im ewig vergeblichen Versuch mit Real Madrid auf Augenhöhe zu kommen, sollten sie nicht vergessen, dass der Stamm auf dem sie sitzen, in der Bundesliga wurzelt. Auf diesen Bewerb kann man sich in Österreich bestens vorbereiten. Hasenhüttls Hinweis ist darum alles andere als krass. Auch wenn Bayerns neuer Herausforderer von dort stammt: Rummenigges Replikt zielt nicht auf den Konkurrenten, sie nimmt punktgenau das gesamte Ökosystem Bundesliga ins Visier. Auch wenn man’s nicht zugeben mag: Rot und Blau Leipzig ist dagegen schon fast wieder sympathisch.

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Über den Autor: FC-PlayFair!-Mitglied Bernd Sautter bloggt und wenn’s dick kommt, schreibt er ganze Bücher über Fußball, unter anderem „Heimspiele Baden-Württemberg“. In der Mannschaft des FC PlayFair! sorgt er sich als linker Verteidiger um die Chancengleichheit innerhalb der Ligen und kämpft für mehr Nachhaltigkeit im Öko-System Fußball.